Rückblick auf das Podiumsgespräch zur Wirkung von Big Tech auf Gesellschaft, Arbeit und Demokratie

Laut Dr. Martin Andree kontrollieren zwei Tech-Konzerne den Großteil unserer Medienwirklichkeit. Was bedeutet diese gigantische Marktmacht für unsere Demokratie? Wie können wir sie aufheben und müssen wir das überhaupt? Über diese Fragen diskutierte der Medienwissenschaftler am Dienstag, 23. Juni, mit dem Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Justus Haucap in der Akademie. Sarah Brasack, stellvertretende Chefredakteurin des Kölner Stadt-Anzeigers, moderierte das Gespräch.


Nach einer kurzen Begrüßung durch die Sekretarin der Klasse der Künste, Prof. Dr. Nadine Oberste-Hetbleck, eröffnete Martin Andree, apl. Professor mit Schwerpunkt für Digitale Medien an der Universität zu Köln, die Veranstaltung mit einem Impulsvortrag. Anhand einer Grafik zeigte der Medienwissenschaftler, wie die Aufmerksamkeit der deutschen Nutzerinnen und Nutzer auf die verschiedenen Online-Anbieter verteilt ist. Viele der präsentierten Daten wurden im Rahmen des Vortrags in der Akademie zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt: Nur zwei Tage nach der Veranstaltung erschien die Neuauflage von Andrees Vermessung der digitalen Welt. Und sie zeigt ein ernüchterndes Bild: Wenige bekannte Plattformen wie Google, YouTube, Instagram und WhatsApp, die sich zwei Tech-Riesen zuordnen lassen, bestimmen den Markt. An diesem Bild hat sich seit der ersten Messung des Medienwissenschaftlers in den Jahren 2018/2019 bis heute nichts geändert. Auch die Fortschritte im Bereich der generativen KI scheinen keine größere Anbietervielfalt zu erzeugen. Hier dominiert ChatGPT.

Es handele sich um geschlossene Systeme, deren Regeln die Tech-Konzerne selbst festlegen.

Die Nutzerinnen und Nutzer bevorzugen die genannten Plattformen laut Martin Andree allerdings nicht freiwillig. „Das freie Internet wurde abgeschafft“, so das Fazit des Experten. Die Anbieter hätten Barrieren eingebaut, damit die Anwenderinnen und Anwender die Plattformen nicht einfach wieder verlassen könnten. Es sei beispielsweise nicht möglich, Inhalte mit Menschen zu teilen, die nicht auf der gleichen Plattform sind. Es handele sich um geschlossene Systeme, deren Regeln nicht der deutsche Staat oder die Europäische Union festlege, sondern die Tech-Konzerne selbst.

Für Martin Andree ist das ein untragbarer Zustand, der unsere Demokratie gefährdet. Denn die Plattformen sind Teil des öffentlichen Diskurses und sie bevorzugen laut dem Medienwissenschaftler extreme Positionen, was sich in den Wahlergebnisse der vergangenen Jahre widerspiegele.

Eine These, der Justus Haucap, Akademiemitglied, Direktor des Instituts für Wettbewerbsökonomie (DICE) und Inhaber des Lehrstuhls für Wettbewerbstheorie und -politik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, nicht zustimmte. Auch wenn der Wirtschaftswissenschaftler das Monopol der Tech-Giganten durchaus anerkennt, sieht er keine Kausalität zwischen den Plattformen und dem Erstarken der politischen Ränder. „Hierfür ist vor allem die schwierige wirtschaftliche Lage verantwortlich“, erklärte der Wirtschaftswissenschaftler.

Digital Markets Act der Europäischen Union und das digitale Kartellrecht der Bundesrepublik

Generell waren sich die beiden Experten in vielen Punkten uneinig, so auch bei der Frage, ob mehr Regulierung die richtige Lösung ist. Laut Martin Andree ist es dringend notwendig, dass die Tech-Konzerne ihre Privilegien verlieren, damit auch andere Anbieter eine Chance haben. Nur so könne ein freier Markt und ein fairer Wettbewerb entstehen. Justus Haucap betonte hingegen, dass es bereits einige Regulierungsmaßnahmen gebe. Er nannte den Digital Markets Act der Europäischen Union und das digitale Kartellrecht der Bundesrepublik, mit dem Deutschland eine weltweite Vorreiterrolle eingenommen habe.

Doch auch wenn die beiden Wissenschaftler das Monopol der Tech-Giganten in vielerlei Hinsicht unterschiedlich bewerteten, kamen sie zumindest in einem Punkt zum gleichen Schluss. „Wir müssen es unserer eigenen Digitalwirtschaft ermöglichen, durchzustarten“, betonte Martin Andree. Das sieht auch Justus Haucap so, der die starke Abhängigkeit von den USA als „miserable Situation“ bezeichnete und deshalb erklärte: „Wir brauchen dringend eigene starke Player, um selbst wieder handlungsfähig zu werden.“

Zu den Fotos von dieser Veranstaltung

Das Podiumsgespräch fand im Rahmen des Projektes „Leben nach Microsoft“ statt. Dieses Projekt ist das erste Kapitel eines neuen Formats der Klasse der Künste. Weiter geht es am 15. Juli 2026 mit der Veranstaltung „True Lies – Wahrheit(en) im Archiv?! Symposium mit anschließender Finissage“.