Auf dem Forschungsportal des Niklas Luhmann-Archivs der Universität Bielefeld sind neben den Originalmanuskripten eine Vielzahl von weiteren Nachlassmaterialien zugänglich, die einen Einblick in die besondere Entstehungsgeschichte dieses Werks geben.
„Vielleicht sollten wir uns einmal ... zusammensetzen, um zu überlegen, ob wir nicht gemeinsam uns an einer etwas größeren Arbeit versuchen sollten.“ Dieser im März 1974 formulierte Vorschlag des Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann an den Hamburger Erziehungswissenschaftler Karl Eberhard Schorr markiert den Beginn einer für den üblicherweise als Einzelautor arbeitenden Luhmann außergewöhnlichen Forschungs- und Publikationskooperation, die bis in die 1990er Jahre andauern sollte. 1979 wurde diese Zusammenarbeit durch das in der Erziehungswissenschaft hohe Wellen schlagende Buch „Reflexionsprobleme im Erziehungssystem“ bekannt. Unbekannt geblieben ist dagegen bislang die Vorgeschichte: ein über drei Jahre laufende Arbeit an eine großen Theorie des Erziehungssystems der modernen Gesellschaft.
Alle Menschen werden erzogen und jede Gesellschaft erzieht. Eine Soziologie der Erziehung muss deshalb nach ihrer besonderen Funktion für die moderne Gesellschaft fragen. Die Antwort lautet: in der Sicherstellung der Teilnahmefähigkeit von Personen an gesellschaftlicher Kommunikation. Aus dieser Feststellung ergibt sich die Unterscheidung für alles weitere, nämlich die Unterscheidung von nichtintentionaler und intentionaler Erziehung – und nur die intentionale Erziehung ist der Träger der funktionalen Spezifikation. In einer derart abstrakt eingestellten Optik kommen die Schulorganisationen und das konkrete Unterrichtsgeschehen, das jeder aus eigener Erfahrung kennt, aber nicht zu kurz. Luhmanns Erziehungssoziologie arbeitet vielmehr heraus, dass der funktional spezifische Lehr-/Lernprozess die Etablierung eines besonderen Interaktionssystems in Form der Unterrichtsstunde und dessen organisatorische Aggregation in Form von Klassen nötig macht. Und die besondere Interaktionsabhängigkeit des Erziehens erfordert eine Professionalisierung des Lehrberufs und eine Organisation des Erziehungsprozesses durch Schulen.
Im Nachlass Luhmanns liegt zu diesen Überlegungen eine ganze Reihe an Manuskripten vor, die sich drei Anläufen zu einer solchen Theoriearbeit zuordnen lassen. Die jetzt publizierte Buchfassung macht im Wesentlichen die Kapitel der letzten Version von 1976/77 zugänglich. Parallel dazu werden auf dem Forschungsportal auch die Manuskripte der beiden Vorgängerversionen von 1974 und 1975 in einer digitalen Edition veröffentlicht. Unterlegt ist die in den verschiedenen Versionen dokumentierte Theoriearbeit nicht nur wie bei Luhmann üblich durch entsprechende handschriftliche Notizen in seinem berühmten Zettelkasten, die ebenfalls in einer edierten Fassung online gestellt werden. Im Fall der Theorie des Erziehungssystems gibt es vielmehr zusätzlich eine umfangreiche Sammlung von maschinenschriftlichen „Notizen zum Erziehungssystem“, die Luhmann und Schorr im Zuge der Diskussion über das Buch ausgetauscht haben. Diese Dokumente einer außergewöhnlichen Forschungskooperation sind nun ebenfalls digital zugänglich.
Weitere Informationen und der Einstieg in die Online-Publikationen: https://niklas-luhmann-archiv.de/aktuelles
Über das Projekt zur Erschließung und Edition des Luhmann-Nachlasses
Das Niklas-Luhmann-Archiv an der Universität Bielefeld ist ein Forschungsprojekt der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste im Rahmen des von Bund und Ländern geförderten Akademienprogramms, dem derzeit größten geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsprogramm in Deutschland. Ziel ist die systematische Erschließung, Digitalisierung und wissenschaftliche Aufbereitung des Nachlasses von Niklas Luhmann (1927–1998). Durch die Veröffentlichung von Manuskripten, Vorträgen und Arbeitsnotizen entsteht eine zentrale Ressource für die internationale Luhmann-Forschung.