Globale Produktionsnetzwerke und Geopolitik: “Friendshoring” im Kontext der grünen Wasserstoffindustrie in Namibia
Dr. Linus Kalvelage, Universität zu Köln
Nach Dekaden des weltweiten Freihandels, geschützt durch die Pax Americana, führt die zunehmende geopolitische Fragmentierung dazu, dass die Dekarbonisierung globaler Produktionsnetzwerke (GPNs) verstärkt sicherheitspolitischen Zielen untergeordnet wird. Während Staatskapitalismus und neue Industriepolitiken Nationalstaaten wieder als zentrale Koordinatoren kohlenstoffarmer Wertschöpfungsketten positionieren, werden traditionelle marktbasierte Treiber wie Kosteneffizienz und Marktdisziplin durch das Primat der geopolitischen Resilienz abgelöst.
Diese Relativierung marktwirtschaftlicher Prinzipien erzeugt weltweit fragmentierte Dekarbonisierungspfade: Während Petrostaaten Gefahr laufen, in fossilen Abhängigkeiten zu verharren, forcieren energieimportierende Staaten ihre Transition, und Technologieführer nutzen grüne Lieferketten als Instrumente strategischer Einflussnahme. Diese Entwicklung etabliert eine „geopolitische Prämie“: Sie verursacht einerseits Effizienzverluste und steigende Kosten, was insbesondere den industriellen Kern Nordrhein-Westfalens vor enorme Anpassungsherausforderungen stellt, eröffnet jedoch zugleich durch „Friendshoring“ und staatlich gelenkte Investitionen Chancen für aufholende Entwicklung in Schwellenländern.
Gestützt auf langjährige empirische Feldforschung analysiert der Beitrag am Beispiel der namibischen Wasserstoffwirtschaft, wie der Übergang von einer effizienz- zu einer resilienzorientierten Governance die globale Wertschöpfungsarchitektur restrukturiert. Dekarbonisierung wird hierbei als ortsgebundener Machtkampf zwischen fossilen und grünen Akteurskoalitionen konzeptualisiert, der über multiskalare politisch-ökonomische Netzwerke vermittelt wird. Dies provoziert grundlegende Fragen nach der Verteilungsgerechtigkeit einer globalen Energiewende unter veränderten geopolitischen Vorzeichen.
Dr. Linus Kalvelage ist Akademischer Rat und Wirtschaftsgeograph am Geographischen Institut der Universität zu Köln. In seiner Forschung untersucht er regionale Nachhaltigkeitstransformationen unter sich wandelnden geopolitischen und makroökonomischen Rahmenbedingungen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Industriepolitik sowie der Rolle lokaler Akteure bei der Gestaltung von Energiewendepfaden in peripheren Regionen.
Nach seinem Geographiestudium in Köln und Potsdam promovierte er 2021 an der Universität zu Köln. Er war als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator des Sonderforschungsbereiches (SFB) „Future Rural Africa“ tätig, bevor er im Wintersemester 2024/25 die Professur für Wirtschaftsgeographie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn vertrat. Aktuell ist er Habilitand in Köln und leitet zwei von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekte, die sich mit der Produktion von grünem Wasserstoff sowie mit (il-)legalen Wertschöpfungsketten im transnationalen Wildtiermanagement befassen.
Seine wissenschaftlichen Arbeiten stützen sich auf umfangreiche empirische Feldforschung im südlichen Afrika und in Vietnam sowie auf internationale Forschungsaufenthalte, unter anderem in Singapur und Großbritannien. Für seine Beiträge wurde er 2024 mit dem „Best Early Career Paper Award“ des renommierten Journal of Economic Geography ausgezeichnet. Neben seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit ist er berufenes Mitglied des Jungen Kollegs der Akademie der Wissenschaften und Künste Nordrhein-Westfalen, der Arbeitsgruppe Strukturpolitik unter Transformationsbedingungen der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft und des Global South Studies Center der Universität zu Köln.