Die Veranstaltung startete mit einem Impulsvortrag, in dem Aladin El-Mafaalani, Professor für Migrations- und Bildungssoziologie an der Technischen Universität Dortmund, zunächst die großen Probleme unserer Gesellschaft, und vor allem der in dieser Gesellschaft lebenden Kinder und Jugendlichen, skizzierte.
Mit der Aussage „Kinder und Jugendliche sind eine Minderheit, die unter die Räder zu geraten droht“, brachte es der Soziologe auf den Punkt. Denn zum einen gibt es in Deutschland so wenig Kinder wie noch nie seit 1946 und gleichzeitig sind gerade die Jüngsten am stärksten von den gesellschaftlichen Veränderungen betroffen. Aladin El-Mafaalani sprach in Bezug auf die Gruppe der Kinder und Jugendlichen von einer Superdiversität. Der Migrationsanteil liegt laut dem Soziologen in dieser Altersgruppe bei 45 Prozent. Hinzu kommt, dass die Familien der Migrantenkinder aus immer mehr unterschiedlichen Ländern stammen.
„Aufgaben, die früher von den Familien getragen wurden, müssen heute die Schulen übernehmen“, betonte El-Mafaalani
Diese diverse Minderheit von Kindern trifft in Deutschland auf sehr viele, deutlich homogenere, ältere Menschen und genau das ist für den Migrations- und Bildungsforscher eines der gravierendsten Probleme. Denn diese große Gruppe an älteren Menschen, die auch das größte politische Gewicht hat, sieht Familien und Schule oft noch aus einer sehr traditionellen Sicht. „Aufgaben, die früher von den Familien getragen wurden, müssen heute die Schulen übernehmen“, betonte Aladin El-Mafaalani, der gleichzeitig deutlich machte, dass diese Entwicklung nicht etwa allein am Unwillen der Eltern liege, sondern auch an der Tatsache, dass Familien diese Aufgaben in einer stark alternden Gesellschaft aufgrund der zunehmenden Erwerbs- und Pflegearbeit nicht mehr leisten können. Deshalb müssten viele der früheren Familienaufgaben dringend ins Schulgesetz.
An den Impulsvortrag des Soziologen schloss das von der Sekretarin der Klasse der Künste, Prof. Dr. Nadine Oberste-Hetbleck, moderierte Werkstattgespräch an, an dem neben Aladin El-Mafaalani Prof. Dr. Tobias Bleek, Professor für Musikwissenschaft an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf und Senior Advisor Education beim Klavier-Festival Ruhr, Tamara Gratz, Schulleiterin der Grundschule an der Sandstraße in Duisburg-Marxloh und Guido Kerkhoff, Vorsitzender des Vorstands der Klöckner & Co SE. und Moderator des Initiativkreises Ruhr, teilnahmen.
„Dinge, die uns wichtig sind, müssen wir in die Schule bringen“, berichtete aus der Praxis Schulleiterin Tamara Gratz
Hier stießen El-Mafaalanis Erläuterungen auf Zustimmung. „Dinge, die uns wichtig sind, müssen wir in die Schule bringen. Wir können nichts an die Eltern abgeben“, berichtete aus der Praxis Tamara Gratz, deren Schule Teil des Education-Programms des Klavier-Festivals Ruhr ist, und das genau das tut, was der Migrations- und Bildungsforscher fordert, Kinder und Jugendliche unabhängig von ihren Familien direkt in der Schule zu fördern.
Die Zuschauerinnen und Zuschauer konnten sich selbst ein Bild davon machen, was das Education-Programm leistet, das Kinder aus einem Ankunftsquartier wie Marxloh mit hochkomplexer klassischer Musik konfrontiert, und zwar, wie Akademie-Mitglied Tobias Bleek erläuterte, inzwischen an fünf Schulen und vier Kitas im Stadtteil. Die Künstlerinnen Corinna Belz, Mitglied der Akademie, und Laurentia Genske, Mitglied des Jungen Kollegs, arbeiten aktuell an einem Dokumentarfilm über die musikalisch-tänzerische Bildungsarbeit, zu der auch das Education-Programm gehört, an der Grundschule Sandstraße. Zwei Sequenzen aus dem Film durften sich die Gäste des Werkstattgesprächs vorab anschauen.
Und auch wenn diese kleinen filmischen Einblicke jeweils nur wenige Minuten andauerten, veranschaulichten sie doch genau das, was Tobias Bleek und die anderen Kenner des Programms auf dem Podium berichteten. „Wir sehen, welches Potenzial in den Kindern steckt, und das unabhängig von ihrer Sprache“, erklärte Schulleiterin Tamara Gratz, und beantwortete damit die zentrale Frage des Abends, ob Kunst dazu beitragen kann, die Herausforderungen unseres Bildungssystems zu meistern, mit einem klaren „Ja“.
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Das Werkstattgespräch „Unter Druck“ fand im Rahmen des Projektes „Leben nach Microsoft“ statt. Dieses Projekt ist das erste Kapitel eines neuen Formats der Klasse der Künste. Weiter geht es am 23. Juni 2026 mit einem Podiumsgespräch zur Wirkung von Big Tech auf Gesellschaft, Arbeit und Demokratie.