Unter dem Titel „Wahrheit im Wandel“ brachte die Veranstaltung unterschiedliche Perspektiven auf wissenschaftliche und künstlerische Erkenntnis, ihre Kommunikation und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung zusammen. In Kooperation mit Humboldtn wurden dabei erstmalig zwei interaktive Formate erprobt: ein Stationenlauf und ein Magic Roundtable. Bei diesem Gesprächsformat konnten die fünf Panelist:innen einander Redezeit schenken und ermöglichten so einen offenen, dynamischen Dialog auf Augenhöhe, in den auch das Publikum einbezogen wurde.
Drei Stationen, drei Perspektiven auf Wahrheit
Den Auftakt bildete der Stationenlauf durch die Akademie. Drei Stationen zeigten auf sehr unterschiedliche Weise, dass Wahrnehmung, Darstellung und Interpretation nie vollständig losgelöst voneinander betrachtet werden können.
An der interdisziplinären Station „Perception Follows Theory“ von PD Dr. Lorenz Dörschel (Regelungstechnik) und Dr. Carolin Gebauer (Anglistik) wurde deutlich, wie stark Vorwissen die eigene Wahrnehmung prägt. Ausgehend von Ali Smiths Roman „Autumn“ zeigte Carolin Gebauer aus literaturwissenschaftlicher Perspektive, wie sich durch Kenntnisse über Charles Dickens neue intertextuelle und kulturhistorische Bedeutungsebenen erschließen. Ein anschließendes Live-Experiment aus den Naturwissenschaften führte denselben Effekt unmittelbar vor Augen: Zwei Gruppen betrachteten dieselbe Aufnahme aus dem Weltraum, kamen aufgrund unterschiedlicher Zusatzinformationen jedoch zu unterschiedlichen Einschätzungen darüber, was darauf zu sehen war. Die Station machte damit anschaulich, dass Beobachtung und Interpretation eng miteinander verbunden sind – auch dort, wo der Anspruch auf Objektivität besonders groß ist.
Mit der Frage, wie Zahlen in den Medien einen bestimmten Eindruck erzeugen können, beschäftigte sich die Statistik-Station von Jun.-Prof. Dr. Hannes Gernandt. Anhand realer Medienbeispiele konnten die Teilnehmenden selbst untersuchen, welche Informationen in statistischen Darstellungen fehlen und wie sich dadurch eine Aussage verändert. Thematisiert wurden unter anderem relative und absolute Häufigkeiten, das Herausgreifen von Extremwerten, die Wahl einer ungeeigneten Grundgesamtheit sowie der Fehlschluss, Korrelation bedeute Kausalität. Ausgangspunkt waren unter anderem Beispiele aus der „Unstatistik des Monats“ des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung RWI Essen und Beiträge des BILDblogs. Dabei ging es ausdrücklich nicht darum, Statistik als manipulatives Instrument darzustellen. Vielmehr wurde deutlich: Statistik ist ein zentrales Werkzeug der Erkenntnisgewinnung – entscheidend ist jedoch, welche Daten ausgewählt, wie sie dargestellt und welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden.
Die dritte Station von Laurentia Genske nahm die dokumentarische Darstellung von Wirklichkeit in den Blick. Im Mittelpunkt stand ihr gemeinsam mit Robin Humboldt realisierter Film „Am Kölnberg“, für den sie über drei Jahre hinweg vier Bewohner:innen des Kölnbergs begleitet hatten. Dem Film wurde eine SPIEGEL-TV-Reportage über denselben Ort gegenübergestellt, in der teilweise mit denselben Protagonist:innen gearbeitet wurde. Die Gegenüberstellung machte sichtbar, wie unterschiedlich ein und derselbe Lebensraum und dieselben Menschen dargestellt werden können. Welche Geschichten werden erzählt? Was wird weggelassen? Wie viel Zeit und Raum bleibt für Ambivalenzen und Widersprüche? Und wie lässt sich ein Mensch innerhalb der begrenzten Dauer eines Films zugleich authentisch und würdevoll darstellen?
Die drei Stationen verband damit eine gemeinsame Frage: Was sehen wir – und was bestimmt, wie wir sehen? Ob statistische Daten, wissenschaftliche Beobachtung, literarische Texte oder dokumentarische Bilder: Erkenntnis entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern ist immer auch von Auswahl, Kontext, Vorwissen und Perspektiven geprägt.
Wissenschaft zwischen Erkenntnis und Nicht-Wissen
Im Impulsvortrag widmete sich Prof.‘in Dr. Anna Leuschner von der Bergischen Universität Wuppertal dem Verhältnis von wissenschaftlicher Unsicherheit und Wissenschaftsleugnung. Am Beispiel der Klimaforschung zeigte sie, dass Unsicherheit ein normaler Bestandteil empirischer Forschung ist: Wissenschaft arbeitet mit Daten, Modellen und Wahrscheinlichkeiten, überprüft Annahmen und korrigiert Erkenntnisse, wenn neue Evidenz dies erfordert.
Problematisch wird diese Offenheit, wenn sie in der öffentlichen Debatte als Beleg für die grundsätzliche Unzuverlässigkeit von Wissenschaft interpretiert wird. Leuschner verwies auf die Agnotology, die sich mit der Produktion und Verbreitung von Nicht-Wissen beschäftigt. Historische Beispiele zeigen, wie gezielte Zweifel, pseudowissenschaftliche Gegenpositionen oder scheinbare Kontroversen Erkenntnisse infrage stellen und Entscheidungen verzögern können. Auch wiederholte Angriffe auf Forschende können eine Atmosphäre der Einschüchterung schaffen und zu Zurückhaltung bei kontroversen Forschungsthemen führen.
Damit stellte sich eine zentrale Frage: Wie lässt sich vermitteln, dass Wissenschaft gerade deshalb verlässlich ist, weil sie ihre Erkenntnisse fortlaufend überprüft und korrigiert?
Wahrheitssuche im Dokumentarfilm
Eine andere Perspektive eröffnete Hendrik Löbbert, Regisseur des Dokumentarfilms „Memory Wars“. Der Film begleitet die Wissenschaftlerin und Gerichtspsychologin Elizabeth Loftus, die sich mit den Grenzen und der Veränderbarkeit menschlicher Erinnerungen beschäftigt.
Auch im Dokumentarfilm ist Wahrheit weder beliebig noch vollständig objektiv verfügbar. Ein Film muss faktisch korrekt arbeiten, entsteht aber zugleich durch Auswahl, Perspektive und die Beziehung zwischen Filmemacher:in und Protagonist:innen. Für Löbbert bleibt Wahrheit daher ein offener Prozess. Die Perspektive auf einen Gegenstand kann sich während der Arbeit verändern – ebenso wie beim Publikum. Ein Dokumentarfilm kann Erkenntnis ermöglichen, ohne den Anspruch zu erheben, die endgültige Wahrheit über einen Menschen oder Gegenstand zu zeigen.
Darin liegt eine Nähe zur Wissenschaft: Auch wissenschaftliche Erkenntnis ist kein abgeschlossener Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess der Überprüfung, Präzisierung und Korrektur.
Wissenschaftsjournalismus zwischen Verkürzung und Einordnung
Hendrik Boldt, Wissenschaftsjournalist beim Science Media Center in Köln, brachte anschließend die Perspektive des Wissenschaftsjournalismus ein. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in einer Medienlandschaft vermittelt werden können, die von Geschwindigkeit, Aufmerksamkeit und kurzen Formaten geprägt ist.
Verkürzung ist für verständliche Kommunikation notwendig. Problematisch wird sie dort, wo wesentliche Zusammenhänge, Unsicherheiten oder methodische Voraussetzungen verloren gehen. Besonders soziale Medien verstärken dieses Spannungsfeld. Gleichzeitig bieten digitale Formate Möglichkeiten für ausführliche Beiträge, Hintergrundinformationen und zusätzliche Daten. Entscheidend ist daher, Komplexität, Verständlichkeit und Aufmerksamkeit miteinander zu verbinden.
Boldt betonte zudem die Bedeutung des Wissenschaftsjournalismus für die Einordnung von Forschungsergebnissen. Er kann Methoden und Aussagekraft erklären, kleinere Studien in einen größeren Zusammenhang stellen und sichtbar machen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse überhaupt entstehen – einschließlich ihrer Voraussetzungen, Fehlschläge und negativen Ergebnisse.
Zwischen Fakten und Bewertungen
Im Roundtable wurde außerdem die Trennung von Fakten und Meinungen diskutiert. Bereits die Auswahl von Fakten und ihre Einordnung können von Wertvorstellungen geprägt sein. Das bedeutet jedoch nicht, empirische Erkenntnisse und normative Aussagen gleichzusetzen. Vielmehr geht es darum, beide Ebenen transparent voneinander zu unterscheiden: Wissenschaft kann beispielsweise Folgen einer Entwicklung beschreiben, beantwortet damit aber nicht automatisch die Frage, welche Folgen gesellschaftlich wünschenswert sind.
Jun.-Prof. Dr. Urban Seifert verwies zudem auf Anreizstrukturen im Wissenschaftssystem. Konkurrenz um Stellen, Reputation und Forschungsmittel kann dazu beitragen, dass Ergebnisse möglichst neu, eindeutig oder spektakulär erscheinen. Transparenz über Methoden, Expertise und mögliche normative Voraussetzungen kann helfen, wissenschaftliche Aussagen von persönlichen oder politischen Bewertungen abzugrenzen.
Wahrheit als Suche – nicht als Endpunkt
Die verschiedenen Perspektiven führten zu einer gemeinsamen Klammer: Wahrheit ist weniger ein erreichter Endpunkt als ein fortlaufender Prozess der Suche.
Für die Wissenschaft bedeutet das, Unsicherheit und Vorläufigkeit als Teil wissenschaftlicher Praxis zu verstehen. Journalismus kann Erkenntnisse einordnen und ihre Grenzen sichtbar machen, während der Dokumentarfilm faktisch arbeitet und zugleich die Perspektivität jeder Darstellung anerkennt.
„Wahrheit im Wandel“ lieferte damit keine abschließende Definition von Wahrheit. Die Veranstaltung zeigte vielmehr unterschiedliche Wege, auf denen Erkenntnis entsteht, vermittelt, interpretiert und hinterfragt wird. Erkenntnis entsteht dort, wo Menschen bereit sind, genauer hinzusehen, Annahmen zu hinterfragen und den Prozess der Suche offen zu halten.