Rückblick auf die Leo-Brandt-Veranstaltung 2026

Was bedeutet Wahrheit? Diese Frage ist in Zeiten, in denen wir mit Fakenews überschwemmt und dank immer besserer KI-Techniken kaum noch zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden können, nicht leicht zu beantworten. Gerade deshalb hat die Klasse der Geisteswissenschaften den Wahrheitsbegriff zum Jahresthema der Akademie und der Leo-Brandt-Veranstaltung am Mittwochabend, 14. Oktober, gemacht.

Zwei Männer stehen auf einer Bühne. Auf der Leinwand hinter ihnen ist ein Foto von Papst Pius XII. eingeblendet.

Foto: NRW-Akademie / Engel-Albustin 2026


„Christen sagen, wir sind Juden, Juden sagen, wir sind Christen!“ Dieser Satz, der aus dem Bittschreiben von Zoltán Kemény, einem katholisch getauften Juden, an Papst Pius XII. stammt, macht das Dilemma des Wahrheitsbegriffes deutlich. Denn Wahrheit ist nie absolut. Und selbst wenn etwas objektiv als wahr erscheint, so wie die Tatsache, dass Zoltán Kemény Christ war, schließlich hatte er das Sakrament der Taufe empfangen, bedeutet das nicht, dass diese Wahrheit von anderen anerkannt wird. „Für die Nazis blieb ein Jude eine Jude, ob getauft oder nicht“, erklärte Prof. Dr. Dr. h. c. Hubert Wolf, Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Münster, der gemeinsam mit Prof. Dr. Michael Seewald, Professor für Dogmatik an der Universität München, den Festvortrag im Rahmen der Leo-Brandt-Veranstaltung hielt.

Akademienprojekt „Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa“

Hubert Wolf und Michael Seewald leiten zusammen mit Prof. Dr. Jan vom Brocke, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Münster, das Akademienprojekt „Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa“. Die Forschenden haben in den seit dem 2. März 2020 zugänglichen Akten aus dem Pontifikat Pius XII., also des Papstes, der während der Shoah Oberhaupt der Katholischen Kirche war, rund 10.000 Bittschreiben von jüdischen Menschen aus ganz Europa entdeckt. Im Rahmen des auf 25 Jahre angelegten Langzeitprojektes sollen diese Briefe ausgewertet, die Lebensgeschichten der Bittstellerinnen und Bittsteller recherchiert und die innervatikanischen Entscheidungsfindungen rekonstruiert werden.

Die jüdischen Menschen wandten sich mit unterschiedlichsten Hilfegesuchen an den Papst. Zoltán Kemény, dessen Brief im Rahmen der Leo-Brandt-Veranstaltung vorgelesen wurde, bat ihn gegen die Rassegesetze, die nach deutschem Vorbild auch in Ungarn verabschiedet werden sollten, zu protestieren. Eine Bitte, der Pius XII., wie wir heute wissen, nie nachgekommen ist. Zwar lässt die Auswertung der Briefe laut Hubert Wolf schon jetzt erkennen, dass die Römische Kurie in den meisten Fällen versucht hat, den Bittstellerinnen und Bittstellern zu helfen. Öffentlich hat sich der Papst aber nie gegen die Nationalsozialisten gestellt. 

Intervention des Jungen Kollegs der Akademie

Der Festvortrag zeigte den Gästen wie Wahrheitsfindung in den Historischen Wissenschaften funktioniert: Fragmente, wie etwa die Briefe der jüdischen Menschen, die uns die Geschichte hinterlassen hat, werden ausgewertet und interpretiert. Doch jede Wissenschaft und auch die Kunst hat ihre eigenen Mittel und Wege, um Wahrheiten zu generieren. Das machte das Junge Kolleg der Akademie mit einer spannenden Intervention deutlich. Moderiert von Jun.-Prof. Dr. Benjamin Paaßen erläuterten Jun.-Prof. Hannes Gernandt, Dr. Anna Bertelli, Dr. Felix Martin und Dr. med. Maike Dohrn wie in ihren Fachbereichen, in der Mathematik, in den Historischen Wissenschaften, in der Architektur und der Medizin nach der Wahrheit gesucht wird. Dabei gewährten sie nicht nur fachliche, sondern auch teils sehr persönliche Einblicke. So berichtete die Medizinerin Maike Dohrn von einer Gruppe von Patientinnen und Patienten, die sie wegen einer nichtgemeldeten Impfreaktion beim Gesundheitsamt angezeigt hatte. „Ich konnte keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und den Beschwerden erkennen“, erläuterte die Medizinerin ihren Wahrheitsfindungsprozess, der letztlich dazu führte, dass die Anzeige fallengelassen wurde. An dem Gefühl der Patientinnen und Patienten, dass ihre Beschwerden von der Impfung herrührten, konnte diese Tatsache aber nichts ändern. Sie waren und blieben von ihrer eigenen Wahrheit überzeugt.  

Verleihung des Karl-Arnold-Preises

Dass unterschiedliche Wahrheiten nebeneinander koexistieren können, zeigt auch die Dissertation von Dr. Halil Emre Uçar. Der Sozialwissenschaftler und wissenschaftliche Mitarbeiter am neugegründeten Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) der Universität Münster hat sich in der an der Universität Bochum angefertigten Arbeit mit den unterschiedlichen Wahrheitsansprüchen von zwei Moscheegemeinden in der postmigrantischen Gemeinschaft beschäftigt. Für diese Leistung wurde ihm der von der Stiftung der Freunde und Förderer der Akademie finanzierte und mit 10.000 Euro dotierte Karl-Arnold-Preis 2026 verliehen. 

Eine abschließende Antwort auf die Frage „Was bedeutet Wahrheit?“ konnte im Rahmen der Leo-Brandt-Veranstaltung nicht gefunden werden, vermutlich gibt es sie auch nicht. Und doch sind Wahrheitsansprüche nicht beliebig, wie Benjamin Paaßen vom Jungen Kolleg betonte. „Denn nicht jede Begründung ist gleich gut.“

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