Fake News in der Musik: Das Quatuor pour la Fin du Temps von Olivier Messiaen. Legende und Wahrheit

Prof. Dr. Matthias Brzoska, Universität Folkwang Essen

Nach dem zweiten Weltkrieg hat Olivier Messiaen in mehreren Interviews die Umstände der Entstehung und der Uraufführung des Quatuor pour la Fin du Temps geschildert. Er behauptete, das Stück sei unter unerträglichen Umständen in einem deutschen Kriegsgefangenenlager entstanden. Diese Erzählungen wurden jahrzehntelang für bare Münze genommen – so wurde das Stück geradezu als Paradigma eines Résistance-Werk rezipiert und z. B. gern bei Gelegenheiten wie dem Jahrestag der Befreiung des KZ Ausschwitz aufgeführt.

Erst als Rebecca Rischin[1] Interviews mit den beteiligten Musikern der Uraufführung führte, zeigte sich, dass nichts von dem, was Messiaen behauptet hat, der Wahrheit entspricht. Weitere Forschungen, u.a. von Yves Balmer und Christopher Brent Murry, haben die Motivation Messiaens zur bewussten Täuschung der Öffentlichkeit nachgewiesen: Es handelt sich um eine Legendenbildung, die das Werk des überzeugten Anhängers des faschistischen Vichy-Regimes nachgerade als ein Werk der Resistance erscheinen ließ und im übrigen dazu diente, ein Jahr aus seiner Biographie verschwinden zu lassen, in dem Messiaen unmittelbar für das Vichy-Regime gearbeitet hat und am Pariser Conservatoire auf der Stelle eines vertriebenen jüdischen Professors installiert wurde.

Der Vortrag enthüllt die „wahre Geschichte“ des Quartetts und seines Schöpfers, skizziert im Anschluss aber auch die bemerkenswerte Geschichte des Uraufführungsklarinettisten Henri Akoka, des einzigen Juden unter den beteiligten Musikern.
 

Prof. Dr. Matthias Brzoska, Deutscher Musikwissenschaftler, geb. 1955, studierte Musikwissenschaft bei Reinhold Brinkmann und Sieghart Döhring in Marburg sowie Romanistik bei Hermann Hofer. Meisterkurse in Komposition bei Hans Peter Haller im Experimentalstudio des SWF sowie bei Stockhausen. 1981 – 1986 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule der Künste Berlin für Musikwissenschaft und Assistent von Dieter Schnebel für Experimentelle Musik, Meisterkurs bei Nono. 1986 Promotion bei Carl Dahlhaus mit einer Arbeit über Franz Schreker. Anschließend als Stipendiat der DFG Durchführung eines Forschungsprojektes in Paris. 1992 Habilitation an der Universität Bayreuth mit einer Schrift über die Idee des Gesamtkunstwerks in Frankreich. Berufung zum Professor für Musikwissenschaft an der Folkwang Universität der Künste Essen (Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Operngeschichte, französische Musik, Musikästhetik in Frankreich und Deutschland, Experimentelle Musik). Mitarbeit an verschiedenen Forschungsunternehmungen und Lexika sowie an theaterpraktischen Projekten. Als Komponist Projekte in Experimenteller Musik (Aufführungen u.a. von Schnebel, Cage, la Monte Young, Nam June Paik). Herausgeber der kritischen Ausgabe von Meyerbeers Oper „Le Prophète“ (Ricordi), Mitheraus-geber einer „Geschichte der Musik“ und Herausgeber des Nachdrucks der Schriften von Hector Berlioz (sämtlich bei Laaber). 2014 erhielt er den Orden eines „Officier des Palmes Académiques“ der République Française. 2011 wurde er Programmbeauftragter der Deutsch-Französischen Hochschule (Saarbrücken) für den bundesweit einzigen binationalen dt.-frz. BA- Studiengang „Musikwissenschaft/musique et musicologie“ der Universitäten Folkwang Essen und François Rabelais Tours. 2017 und 2018 war er Gastprofessor an der Shanghai Normal University. 2019 gab er Vorträge an der Stanford University und an der University of North Texas. 2020 war er Gastdozent an der Université de Montréal, Canada. 2023 erhielt er eine Gastprofessur für Komposition und Musikwissenschaft an der University of North Texas in Denton, TX, 2024 folgte eine Gastprofessur für Experimentelle Musik an der Kunst-Universität Graz.

Matthias Brzoska ist seit 2011 ordentliches Mitglied in der Klasse für Geisteswissenschaften der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

 


[1] Rebecca Rischin, Et Messiaen composa... 1941, Stalag Görlitz, Genèse du Quatuor pour la Fin du Temps. Trad. de l'américain par Emile Akoka et Guillaume Marlière, Paris Ramsay 2006